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Gedicht im Dezember

Winterzauber

Am Wannsee schaue ich auf die große
graue Fläche von Wasser träge zur Elbe
sich schiebend schwer ist das Land
das sich an den Ufern schleppt kein
Kahn der es bewegt nur die Fähre
nach Kladow blinkt leise im Zwielicht
Kleist hat seine Gedanken zur
Unsterblichkeit nicht unterbrochen
die Zeit steht still bei den Eichen
ich bin eine Komplizin im Schattenreich
der Raunächte die erst im neuen Jahr ihre
Herrschaft abgeben

Über das Wasser gleitet unser
Boot vier Menschen an Bord
die Heiligabend
ihren Dienst tun unter dem
konturenlosen Himmel
über der Havel der Kapitän
der Schiffsjunge ein alter Mann
aktenlesend und ich tiefatmend
frei zu sein von den Zwängen
Weihnachtenfeiernzumüssen

Weitausholend dringt der Klang
der Glocke der Kladower Dorfkirche
auf dem heiligen Hügel der
Alteuropäer das Terrain
überragend aufs Deck
dem trägen Fahrtwind trotzend
ein Brand hat 1808 die Spätgotik
zerstört als noch ferne Zeiten
die Dorflinde zausten
der Pfarrer breitet die Arme
weit und hebt an zum Gesang
für die Dreiheiligkeit der Kirchendiener
schließt die Tür – ein Schild
wegen Überfüllung geschlossen
versperrt den Zugang

Bei der Linde auf dem heiligen Hügel
falte ich die bloßen Hände und
gedenke der Mütter die seit
Menschenzeiten auch an diesem Tag
Kinder gebären

Jenny Schon
www.jennyschon.de